, 24.03.2017

Die Schulpastoral - immer nur beten?

Ein spannendes Interview mit Lioba Diepgen

St. Kilian als Bildungszentrum hat einiges zu bieten, das anders ist als an anderen Schulen. So befinden sich gleich vier Schulen unter einem Dach, ganztags und unterstützt durch ein seit Jahren bewährtes Lernzeitkonzept. Vier Schularten - das bedeutet, dass sich die Schulgemeinschaft durch eine große Vielfalt auszeichnet - an Persönlichkeiten, Ansichten und Lebens-Situationen.

Als Katholische Freie Schule arbeitet St. Kilian deshalb mit einem Lehr- und Erziehungskonzept, das weit über die reine Wissensvermittlung hinausgeht und dessen zentrales Element - der "Marchtaler Plan" - das christliche Menschenbild  in sein pädagogisches Konzept einbezieht. Aus diesem Grund gibt es im Kollegium gleich ein ganzes Team, das sich um die Seelsorge aller Kilianer kümmert. Lioba Diepgen leitet dieses Team, und wir haben sie gefragt, was man sich darunter vorstellen kann.

St. Kilian: Frau Diepgen, warum gibt es eigentlich die Schulpastoral an St. Kilian??

Lioba Diepgen: Oh, zunächst ist Schulpastoral  ein Dienst von Christinnen und Christen an den Menschen im Lebensraum Schule. Es gibt also viele gute Gründe. Viele Menschen sind heute mehr denn je auf der Suche nach Identität. Lehnen aber gleichzeitig Institutionen ab. Damit verliert auch die Kirche als Werte-Institution an Bedeutung. Man strebt nach Selbstbestimmung, aber erlebt dabei immer häufiger, dass die persönliche Frage nach dem Sinn unbeantwortet bleibt.

St. K: Und die können Sie beantworten?

LD: Das wäre natürlich super! Nein, wenn das so einfach wäre... Aber wir wissen, dass auch viele Kinder und Jugendliche auf der Suche nach diesem Sinn sind. Und wir als Team der Schulpastoral versuchen, unseren christlichen Glauben an St. Kilian erfahrbar zu machen, und laden die ganze Schulgemeinschaft ein, das eigene Leben aus der Perspektive des Glaubens zu verstehen und zu deuten.

St.K.: Wie sieht das denn konkret aus?

LD: Unsere Schulkultur ist und soll sich nach den christlichen Leitlinien ausrichten.

Und diese stehen im Wesentlichen auf vier Säulen: Die erste ist die Liturgie, also Gottesdienste. Das liegt nahe bei einer konfessionellen Schule. Die zweite ist die sogenannte "Weggemeinschaft". Konkret heißt das, dass wir alle Kilianer auf ihrem Weg begleiten. Streitschlichter und ausgebildete Mediatoren vermitteln bei Meinungsverschiedenheiten - übrigens nicht immer nur unter Schülern. Manchmal benötigt auch eine Kollegin oder ein Kollege Unterstützung, beispielsweise im Umgang mit schwierigen Schüler- oder Elterngesprächen. Oder bei ganz persönlichen Fragen.

Und wir bieten eine aktive Trauer- und Krisenberatung.

St.K: Ist das denn öfter nötig?

LB: Letztes Schuljahr hatten wir leider sowohl in der Schülerschaft, als auch im Kollegium Anlass zur Trauer. Unser "Raum der Stille" war dabei ein wichtiger Stützpunkt, um gemeinsam diese Trauer zu verarbeiten. Und keineswegs immer nur im Gebet. Meist ging es darum, einfach mal ausdrücken zu dürfen, was man fühlt. Und zu spüren, dass man nicht allein ist damit. Und alles bleibt auch gern vertraulich.

St.K.: Das ist wirklich toll.  Und Säule Nummer drei?

L.D.: Das ist die "Diakonie". Das bedeutet "für andere etwas tun". An St. Kilian legen wir grossen Wert auf soziale und ethische Werte und haben dafür ganz verschiedene Projekte. Unter dem Begriff "St. Kilian schaut hin!" läuft z.B. schon seit einigen Jahren das schulweite Engagement für das Projekt "Schenke eine Ziege" und eine Partnerschaft mit einer Schule in Tansania. Wir unterstützen auch die Stiftung „Große Hilfe für kleine Helden“. Die Klassen starten auch immer wieder auf eigene Faust Projekte. Und seit letztem Jahr gibt es ein Langzeitprojekt im Rahmen der "Plant for the Planet"-Aktion. Unser Ziel: Bis zum Jahr 2019 sollen auf Initiative von St. Kilian 2019 Bäume weltweit gepflanzt werden.

St. K.: Und jetzt noch die vierte Säule? Wie heisst sie und was geschieht dazu konkret an der Schule?

LD: Ja, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen drastisch. Denn das ist die sogenannte " Martyria".

St. K.: Oje!...

LD: Im Gegenteil - das bedeutet "den christlichen Glauben weitergeben".

St.K.: Jetzt wird' s missionarisch?

LD: Durchaus. Und zwar im besten Sinne. An St. Kilian tun wir das beispielsweise, außer im Unterrichtsfach Religion, in wöchentlichen Morgenkreisen – in denen es aber keineswegs immer nur um religiöse Fragen geht. Genauso wichtig ist es, dass die Schüler Probleme besprechen können, die in der Klassengemeinschaft auftauchen. Oder auch mal Spiele zum Wochenauftakt spielen können, die das soziale Klima verbessern. Das verstehen wir unter gelebtem und erfahrbarem Glauben: In der Frohen Botschaft, die Jesus Christus uns in den Evangelien geschenkt hat, finden wir vieles, das uns in unserer Weggemeinschaft und für unser Leben Orientierung geben kann. Das machen wir für unsere Schulgemeinschaft erfahrbar.

St. K.: Also ist das hauptsächlich für die Schülerinnen und Schüler gedacht?

L.D.: Das Schulpastoral-Team kümmert sich tatsächlich um alle Kilianer. Wir sind zu gleichen Teilen genauso für alle Eltern und Lehrer da. Um sie in der Weitergabe christlicher Werte an ihre Kinder und Schüler zu unterstützen, aber auch bei ganz persönlichen Anliegen oder Problemen.

St. K.: Also quasi Kirche in der Schule...?

LD: Eher Schule, die als christliche Gemeinschaft lebt. Denn Kirche bedeutet eigentlich nichts Anderes als gelebter Glaube. Sinnstiftend und lebensfördernd. Und das kann an vielen Orten stattfinden. Überall an Orten, an denen Gutes geschieht.

St. K.: Höre ich da einen gewissen Wandel im Selbstbild der katholischen Kirche heraus?

LD: Oja. Der ist aber gar nicht mal so sensationell neu. Natürlich ist die Kirche im Wandel und erneuert sich.  Ihre Angebote sollen in das Leben der Menschen heute passen, zum Beispiel auch dort, wo viele Kinder, Jugendliche und Erwachsenen gemeinsam leben und arbeiten -  in St.Kilian.

St. K.: ...Wobei wir wieder bei der Suche nach dem persönlichen Sinn wären...?

LD:  Klar. Auch. Und um hier bestmögliche Unterstützung bieten zu können, haben wir uns an St. Kilian mit anderen Organisationen und Institutionen vernetzt, die uns bei dieser Aufgabe helfen. So arbeiten wir eng zusammen mit der KSJ (Katholischen studierenden Jugend), die das Schülercafé betreibt. Wir haben direkten Anschluss an die Pfarrei St. Peter & Paul, gestalten gemeinsame Gottesdienste. Das katholische Jugendreferat des Dekanates, der BdkJ und die Caritas sind enge Partner.

St.K.:  Und warum ist das ein Vorteil?

LD: Dadurch können wir als Schule über unser eigenes Seelsorge-Team hinaus viel umfangreichere Angebote bieten. Oder einfach auch mal unsere christlichen Überzeugungen in größerem Rahmen feiern.

St.K.: Muss ich oder mein Kind katholisch sein, um an St. Kilian angenommen zu werden?

LD: Hinter dem Marchtaler Plan steht das Interesse nach Glaubensfragen und nach christlichen Grundüberzeugungen. Es geht um eine bejahende Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zu Gott und zur Umwelt.  Eine religiöse Lebensbedeutung im Allgemeinen und der christliche Lebensentwurf im Besonderen können zu einem solchen wertschätzenden Umgang mit sich und seiner Umgebung verhelfen. Die Frage der Konfession/Religion ist zweitrangig.

St.K.: Und wie klappt die Zusammenarbeit mit der Schulleitung? Gibt es da nicht auch mal Interessenskonflikte mit den schulischen Aufgaben der Wissensvermittlung und der Vorbereitung junger Menschen auf das Berufsleben?

LD: Die Schulleitung steht voll und ganz hinter den Lehr-und Erziehungsprinzipien des Marchtaler Plans, in diesem Sinne unterstützt sie auch das Schulpastoral-Team sehr und bietet uns die nötige Freiheit und Geduld, die es für nachhaltige seelsorgerische Aufgaben manchmal braucht. Das muss man wirklich sagen.

Und was gibt es Wichtigeres für ein erfolgreiches und gelingendes Leben in Beruf und Gesellschaft, als eine geistig und seelisch wache Persönlichkeit mitzubringen?

St.K.: Frau Diepgen, herzlichen Dank für dieses Interview.

Dem Schulpastoral-Team an St. Kilian gehören an:

- Alexander Auer

- Franziska Bentz

- Lioba Diepgen

- Mechthild Ehlert

- Ute Oschwald

- Dr. Katja Sichau

 

 www.bz-stkilian.de   http://schulpastoral.drs.de/start.html 

Stiftung Katholische Freie Schule der Diözese Rottenburg-Stuttgart