Der Marchtaler Plan

Der Marchtaler Plan ist ein reformpädagogisches Konzept, das der christlichen Auffassung vom Mensch-Sein Rechnung trägt. Sein Motto lautet: „Zur Freiheit berufen.“ (Gal 5, 13)

Als alternatives Schulkonzept bildet er den verbindlichen Rahmenplan für die Katholischen Freien Schulen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Die inhaltliche Grundlage des Marchtaler Plans sind die Lehrpläne des Landes Baden-Württemberg für die jeweilige Schulart. Sie werden dem Schüler im Horizont des christlich-katholischen Glaubens erschlossen.

Der Marchtaler Plan ist inzwischen national und international zu einer anerkannten schulpädagogischen Konzeption mit Modellcharakter geworden.

Die Intentionen von Erziehung und Bildung entsprechend dem Marchtaler Plan sind:

  • Vermittlung von Bildung und Wissen, die den Anforderungen genügen, die heute an eine gute Schule zu stellen sind.
  • Ganzheitlich personale und soziale Erziehung, die die harmonische Entfaltung und Förderung der körperlichen und geistigen Anlagen, soziales Engagement und Mitarbeit in der Gesellschaft anstrebt.
  • Religiöse und werteorientierte Bildung, die vertraut macht mit der Botschaft Jesu Christi, zu personal vollzogenem Glauben hinführt und die erfahren lässt, dass Menschsein auf Hoffnung hin angelegt ist.

Gestaltungselemente des Marchtaler Plans

Strukturelemente für den unterrichtlichen Bereich

Fachunterricht

Wo fachwissenschaftliche Inhalte weder im Vernetzten Unterricht in Erscheinung treten noch als Grundlage für Selbstbildungsmaterialien in der Freien Stillarbeit oder den Freien Studien dienen, bildet der Fachunterricht ein weiteres Strukturelement des Marchtaler Plans.

Auch wenn im Fachunterricht die jeweiligen spezifischen Methoden und Sichtweisen der unterschiedlichen Fachdisziplinen stärker im Vordergrund stehen, als dies in der Regel im Vernetzten Unterricht der Fall ist, verbinden ihn doch sehr viele Grundanliegen mit diesem. Auch hier steht die „fruchtbare Begegnung“ zwischen Schülern und Sachen im Mittelpunkt, auch hier ist immer wieder nach der Bedeutung der Inhalte für die Persönlichkeitswerdung des Schülers zu fragen.

Der Fachunterricht ist im Wesentlichen von denselben Haltungen und Zielsetzungen geprägt wie der Vernetzte Unterricht. Im Zusammenwirken der Strukturelemente lernen die Schüler sowohl eine stärker auf die Eigengesetzlichkeiten der Fachgebiete konzentrierte Herangehensweise kennen als auch ein Vorgehen, das die Zusammenhänge ins Zentrum der Betrachtung rückt. Indem ihnen beide Betrachtungsweisen zur Verfügung stehen, eröffnen sich für die Kinder und Jugendlichen wertvolle Handlungsspielräume im Umgang mit den Weltphänomenen.

Morgenkreis

Der Morgenkreis eröffnet die Schulwoche und kennzeichnet den Wochenanfang als eine neu geschenkte Gabe und Aufgabe.

Elemente des Morgenkreises sind Anschauung und Besinnung, Hören und Sehen lernen, vernehmen können und still werden. Sammlung und Konzentration öffnen Zugänge zur eigenen Person und zu Gott, schaffen eine für den Unterricht und den Umgang miteinander förderliche Atmosphäre, sie machen empfänglicher für den Glauben und regen an zu Kreativität und Spontaneität.

Der Morgenkreis weiß die Emotionalität der Schüler, den Raum für personale Begegnung und die Zeit für das Wachsen von Beziehungen in besonderer Weise zu schätzen.

Die Inhalte des Morgenkreises umfassen biblische Erzählungen, das Einüben von Ritualen, die Feste des Kirchenjahres, das Erörtern ethischer Fragen, Übungen zur Stille und Möglichkeiten der Selbstkundgabe der Kinder und Jugendlichen.

Vernetzter Unterricht

Im Vernetzten Unterricht begegnen sich Lehrer, Schüler und „Sachen“ und treten zueinander in Beziehung. Hauptaufgabe des Lehrers ist es dabei, Lernsituationen zu schaffen, die eine „fruchtbare Begegnung“ von Schüler und Sache herbeiführen können.

Vernetzter Unterricht schafft durch eine gute Struktur Klarheit und hilft, Zusammenhänge und Hintergründe zu erschließen. Dadurch kann er eine maßgebliche Hilfe bei der Orientierung in einer immer ausdifferenzierteren, und damit zunehmend vielschichtigeren und unübersichtlicheren Lebenswelt darstellen. 

Da zur Erkenntnis der Wirklichkeit und zu einem verantwortlichen Umgang damit ganz selbstverständlich auch die religiöse und ethische Dimension gehören, sind existentielle Fragestellungen des Menschen wie diejenigen nach dem Woher, Warum und Wohin integraler Bestandteil aller Vernetzten Einheiten.

Die Pädagogischen Fundamente geben Hinweise darauf, was die Unterrichtseinheiten im Hinblick auf die Schüler und deren personale Entwicklung bedeuten können. Sie verweisen dabei auf Einstellungen, Haltungen und Werte, mit denen sich auseinanderzusetzen für junge Menschen in ihrem Ringen um Orientierung und ihrer Suche nach tragfähigen Standpunkten unerlässlich ist. Vernetzter Unterricht hat damit immer den ganzen Menschen im Spannungsfeld von Immanenz und Transzendenz, Personalität und Sozialität, Spiritualität und Materialität im Blick.

In eine Vernetzte Unterrichtseinheit fließen die in der jeweiligen Entwicklungsstufe erfassbaren naturwissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen, geisteswissenschaftlichen, musisch-ästhetischen und handwerklich-technischen Aspekte des jeweiligen Themas ein. Die Inhalte der einzelnen Fachwissenschaften werden grundsätzlich nur so weit in die Vernetzung einbezogen, wie dies sachlich und entwicklungspsychologisch geboten ist. Damit Inhalt und Person wirklich zueinander in Beziehung treten können, werden darüber hinaus die religiöse, ethische, personale, situative und soziale Dimension berücksichtigt.

Freie Stillarbeit / Freie Studien

Die Freie Stillarbeit eröffnet täglich das schulische Arbeiten und trägt zur Rhythmisierung der Schultage bei. Anspruch und Ziel der Freien Stillarbeit und der Freien Studien sind die Entwicklung der Persönlichkeit des Schülers, die Einübung eines verantwortungsvollen Umgangs mit individueller Freiheit und die Erweiterung sozialer Fähigkeiten sowie die Selbsttätigkeit beim Erwerb von Fertigkeiten und Kenntnissen durch eigenverantwortliches Arbeiten und Handeln. 

Das individuelle Vorwissen der Schüler ist dabei Ausgangspunkt für das eigene Lernen, das persönliche Interesse dessen Motor. Inhaltlich verbundene oder aufeinander aufbauende Materialien ermöglichen es, das Lernen zielgerichtet und nachhaltig zu gestalten.

Die Schüler können und sollen das Arbeitsthema, die Arbeits- und Zeiteinteilung, den Arbeitspartner sowie den Arbeitsplatz relativ frei wählen.

Entsprechend ihrem individuellen Förderbedarf (insbesondere bei besonderen Begabungen, Teilleistungsstörungen oder festgestelltem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot) werden den Kindern und Jugendlichen entsprechend angepasste Arbeitshilfen und Arbeitsmaterialien angeboten.

Während der Freien Stillarbeit begleiten die Lehrkräfte die Schüler auf ihrem Weg des selbstorganisierten und selbstverantworteten Arbeitens und Lernens. Dabei leisten sie motivierend und beratend Hilfestellung im Sinne des Prinzips „Hilf mir, es selbst zu tun“  und sorgen für eine ungestörte Arbeitsatmosphäre.

In höheren Klassen geht die Freie Stillarbeit bei unveränderter Zielsetzung in die Freien Studien über. Dort sollen sich die Jugendlichen Themenfelder zunehmend selbstständig erschließen.

Gestaltungselemente für den außerunterrichtlichen Bereich

Mittagessen

Das Mittagessen in der Schule bildet eine wertvolle Zäsur im Tagesablauf der Ganztagsschule. Beim Essen in Gruppen oder im Klassenverband und mit den Begleitpersonen wird eine Tischgemeinschaft gestaltet, in der Kinder und Jugendliche einander und ihren erwachsenen Begleitern begegnen können. Für Klassenlehrer eignet sich das Mittagessen besonders, um außerhalb des Unterrichts auf andere Weise mit ihren Schülern in Beziehung zu treten. Für pädagogische Mitarbeiter bietet es die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum Beziehungen zu einer festen Gruppe von Kindern bzw. Jugendlichen aufzubauen.

Angebot und Auswahl der Speisen ermöglichen Erfahrungen mit gesunder Ernährung und einem verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln. Verknüpfungen zwischen dem Erfahrungsraum „Mittagessen“ und Unterrichtseinheiten zur Ernährungs- und Verbraucherbildung sowie außerunterrichtlichen Angeboten (AGs, Mensarat) können bewusst hergestellt und genutzt werden.

Ungebundene Freizeit (Mittagsfreizeit)

Die ungebundene Freizeit dient vorrangig der Pause und Regeneration von den Konzentrations- und Arbeitsphasen des Unterrichts und ist damit ein wichtiges Element für die Rhythmisierung des Schultages in der Ganztagsschule.

Darüber hinaus bietet diese Zeit Chancen für informelle Lernprozesse, in denen Kinder und Jugendliche unverbindlich neue Interessengebiete und Aktivitäten kennenlernen können. Sie ist „ungebunden“, weil sich Kinder und Jugendliche nicht langfristig für ein Angebot anmelden müssen, sondern diese Zeit täglich neu nach ihren eigenen Bedürfnissen gestalten können.

Dafür gibt es vielfältige und einfach zugängliche Freizeitangebote für Entspannung, Rückzug und Nichtstun, aber auch für Aktivität in Sport, Spiel, Handwerk, Musik, Kunst, Theater und vielem mehr.

Erwachsene sind kontinuierliche Bezugspersonen und tragen zur wertschätzenden Beziehungsgestaltung in der Mittagsfreizeit bei, indem sie Gruppen oder Klassen begleiten oder Stützpunkte gestalten.

Gebundene Freizeit

In der gebundenen Freizeit werden Arbeitsgemeinschaften, Freizeitgruppen, Projekte und Kurse angeboten. Die Kinder und Jugendlichen wählen aus diesen Angeboten eines oder mehrere aus und nehmen dann verbindlich für einen festgelegten Zeitraum daran teil (z.B. Trimester, Halbjahr oder Schuljahr).

Durch die Angebotsgestaltung werden verschiedene Interessen angesprochen: In niedrigschwelligen Freizeitangeboten können neue Themenfelder kennengelernt werden, z. B. verschiedene Ballsportarten in einer „Sport-und-Spaß-AG“. 

Curriculare Angebote vermitteln aufeinander aufbauend konkrete Fertigkeiten unterschiedlicher Fachgebiete, z. B. Techniken der Holzbearbeitung in der Holzwerkstatt. In projektorientierten Angeboten werden spezifische Ergebnisse oder Fähigkeiten erarbeitet und mit einer öffentlichen Präsentation oder einem Zertifikat abgeschlossen.

Erweiterte Lerngelegenheiten

Erweiterte Lerngelegenheiten sind Angebote im außerunterrichtlichen Bereich, in denen eigenverantwortliches Lernen, die selbständige Vertiefung und Übung von Unterrichtsinhalten sowie die Beschäftigung mit individuellen Interessengebieten gefördert werden. Sie unterscheiden sich von Angeboten der gebundenen Freizeit durch ihre engere Verbindung zum Unterricht und ihre höhere Verbindlichkeit.

Um ihr Lernen zunehmend selbst organisieren und gestalten zu können, brauchen Kinder und Jugendliche Orientierung über Inhalte und Anforderungen des Lernens sowie Unterstützung im Lernprozess.

In der gebundenen Ganztagsschule gibt es dafür verbindliche Lernzeiten und Lernentwicklungsgespräche. In der offenen Ganztagsschule können die Kinder und Jugendlichen diese Unterstützung in der Hausaufgabenbegleitung erhalten. Darüber hinaus gibt es standortspezifisch weitere Formen erweiterter Lerngelegenheiten wie zum Beispiel Lernförderung, Themennachmittage, Projektzeiten oder Handwerkserziehung.

Ganztagspädagogik in der Grundschule

In der Grundschule wird in besonderer Weise darauf geachtet, den Kindern Beheimatung, Orientierung und verlässliche Beziehungen in einer vertrauten, familiären Atmosphäre zu ermöglichen.

Strukturen und Gestaltungsformen, die den Kindern bereits aus dem Kindergarten vertraut sind, werden in ähnlicher Form weitergeführt und erleichtern dadurch den Übergang in die neue Lebenswelt Schule. Dazu gehören die Gemeinschaft in einem festen Gruppenverband, kontinuierliche Bezugspersonen und -räume sowie verlässliche Tagesstrukturen.

Innerhalb ihrer Gruppe erleben die Kinder die verschiedenen außerunterrichtlichen Gestaltungselemente wie z. B. das gemeinsame Mittagessen, ungebundene und gebundene Freizeit sowie eine begleitete Hausaufgabenzeit.

Suche